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material zur analyse digitaler kultur.
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November 24 2009
Google-Bashing
Es gibt ein Paradigma, das mich wirklich nervt. Das so penetrant alle Diskussionen rund um Googles (angebliche) Allmachtsansprüche beherrscht, dass man es schon fast als Tatsache rezipiert. Die "Datenkrake" Google ist böse und versucht mit aller Macht a) monopolistische Kontrolle über uns zu gewinnen und b) verdient sich mit dem geistigen Eigentum Anderer eine goldene Nase.
Vorweg: Ich bin eher ein kritischer Geist und bin sozusagen prinzipiell auf der Hut, wenn mir große Konzerne oder auch der Staat etwas anbieten, wofür sie als Gegenleistung Daten von mir verlangen, um sie zu speichern und zu verwenden. Man wittert praktisch die für mich in irgendeiner Weise schlechte Intention dahinter.
Nachdem mir dieser Tage bei der Lektüre einer beliebigen Äußerung bzgl. Google Books à la "Da muss man schon aufpassen und genau überlegen, was man Google da erlauben sollte in Hinblick auf verwaiste Bücher z.B." das Wort "Vollidioten" am Frühstückstisch herausrutschte, fragte mich meine Freundin nach dem Grund für diesen Ausbruch. Ich sagte ihr daraufhin, dass mir dieses Google-Bashing auf den Geist geht von jammernden und rückständigen Menschen, die selbst keine Ideen haben, aber wenn jemand kommt, der tatsächlich marktfähige Konzepte für die digitale Welt und das Informationszeitalter findet, diesen immerhin inhaltslos kritisieren können.
Sie schaute mich an, lachte, und erklärte mir, dass sie mich einfach manchmal nicht versteht. Denn das Bild, das sie von mir hat, würde sie glauben machen, wenn eine riesige Suchmaschine z.B. plötzlich auch noch einen Browser rausbringt, dann wäre das ultra-böse. Aber nein, seltsamerweise ist es ein total tolles Programm.
Worum es mir geht: Ich bin kein prinzipieller Google-Lover. Ich bin nicht dumm. Ich weiß, welche Macht Google hat und kann mir vorstellen, was es damit anstellen kann/könnte. Aber erst gestern wies uns einer meiner Professoren auf das alte Kant-Wort (bzw. eigentlich dessen Übersetzung des Horaz-Wortes) hin: Sapere aude! - Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. In der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts ist es nicht mehr angebracht, darauf zu vertrauen, dass schon alles seine Richtigkeit hat. (Sidenote: War es das eigentlich je?) Dass alles Wesentliche beispielsweise durch Gesetze geregelt ist oder sein muss. Google tut nichts Verbotenes und es sollte auch nicht im Nachhinein durch ad-hoc-Gesetze in rechtlich fragwürdige Gewässer gedrängt werden. Google hat verstanden, was die Währungen im Informationszeitalter sind: Aufmerksamkeit und Nutzungsdaten. Außerdem hat es gute Strategien entwickelt, diese Ressourcen in Geld zu verwandeln. Googles Produkte sind nicht gratis, nur weil wir dafür nicht mit Geld bezahlen. Wir bezahlen, indem wir Google Aufmerksamkeit schenken. Wir benutzen seine Suchmaschinen, wir benutzen seine Blogsoftware, wir erhalten von ihm gefilterte Nachrichten. Das gibt ihm die Möglichkeit, Werbeanzeigen teuer zu verkaufen. Wir bezahlen, indem wir Googles Software benutzen und so Auskunft darüber geben, wofür wir uns interessieren - nicht unbedingt wir Einzelnen persönlich, sondern wir alle, die Masse, der Durchschnitt. Wir geben Hinweise, auf welche Weise Google sich noch besser den Erwartungen der User - uns - anpassen kann, um eine noch größere Nutzerbasis zu generieren. Das sind alles Formen von indirekter Bezahlung, derer wir uns bewusst sein müssen. Allerdings nicht nur in einem negativen Datenkrakenbild. Wir nennen ja den Bäcker an der Ecke, der die leckersten Brötchen in der Stadt backt, auch nicht eine Geldkrake.
Es geht darum, dass jemand zuerst ein Produkt (oder mehrere Produkte) entwickelt, das den Wünschen der Kunden bestmöglich angepasst ist, um dann die Nutzung (oder den "Kauf") dieses Produkts so einfach wie möglich zu gestalten, damit eine maximale Anzahl von Kunden angezogen wird. Wesentlich dabei ist jedoch - und das vergessen die meisten in den einschlägigen Diskussionen -, dieser clevere Marktteilnehmer zwingt niemanden dazu, tatsächlich sein Produkt anzunehmen. Das wollen wir noch einmal klarer formulieren: Ob jemand Google-Software benutzt oder an Google bestimmte Daten übermittelt ist ganz allein seine freie Entscheidung.
Google hat in diesem Sinne bereits auf den Vorwurf von News-Verlegern reagiert, die fanden, dass sich Google kostenlos an den von ihnen teuer generierten Inhalten bereichert. Jede Website lässt sich durch eine winzige Datei in Sekunden von Googles Index (oder dem jeder beliebigen anderen Suchmaschine) ausschließen. Der Googlebot hält sich an solche Verbote in der robots.txt. Und schwupps! erscheint die Nachrichtenseite inklusive der berüchtigten Snippets nicht mehr in den Ergebnissen der Suchmaschine. Das hat natürlich die Folge, dass der Traffic auf die betreffende Seite signifikant zurückgeht. Das wollen die Nachrichtengurus nun auch wieder nicht. Sie sind schlichtweg neidisch, dass sie nicht rausgefunden haben, wie man viel Geld verdient, Google aber schon und nun wollen sie etwas abhaben vom Kuchen. Dummerweise gibt es kein Gesetz, dass Neid und Unfähigkeit zur Innovation monetär belohnt. Noch nicht jedenfalls.
Um wieder auf den Ursprung zurück zu kommen: Es geht nicht um die Frage, ob das alles gut ist, was Google tut oder ob es schlecht ist. Es kommt darauf an, mit Google (und dasselbe gilt natürlich für beliebige andere Dienste) intelligent umzugehen. Man muss reflektieren: Was muss ich einsetzen von Dingen, die wertvoll für mich sind, und was bekomme ich dafür? Sind mir die betreffenden Dinge zu wertvoll, kann ich den Dienst nicht in Anspruch nehmen. Sind sie es nicht, oder ist der Dienst mir jedenfalls mehr wert, tausche ich sie ein. Dabei ist es von essentieller Bedeutung zumindest einen groben Überblick zu haben, an welche Stellen man was übergeben bzw. übermittelt hat. Natürlich könnte man z.B. alle GoogleApps nutzen, von der Suche und dem Bowser über den Kalender, Email, und Instant Messaging, bis hin zum Weblog, personalisierten Nachrichten und dem Newsreader. Das wäre eine immense Datenmasse, die man zentral an einen Anbieter vergibt. Halte ich für keine gute Idee. Deswegen verteile ich mit großem Bedacht all dies (hoffentlich) gut durchdacht auf verschiedene Anbieter. Nicht nur das, ich überlege mir auch sehr genau, welche Informationen überhaupt öffentlich gemacht werden. Selbstverständlich sollte man nicht in Facebook über seinen Arbeitgeber herziehen, oder seinen Twitter Followern voll Stolz erzählen, das man gerade einem seiner Bekannten Hörner aufgesetzt hat.
Der Punkt, über den ich überhaupt zu diesem Posting gekommen bin, Google Books, stellt noch ein anderes Problem dar, weil es hierbei nicht um die Frage von Userdatenaggregation geht, sondern um Urheberrecht. Das erschöpfend zu behandeln, geht weit über den Rahmen dieses Artikels hinaus, deshalb nur ein paar Worte dazu.
Die Idee einer weltweit erreichbaren Datenbank mit so vielen digitalisierten Büchern wie möglich, war eines der besten Dinge, die unserer Gesellschaft passieren konnte. Da Google letztlich Geld mit seinen Angeboten verdient, müssen Autoren (und leider auch Verlage), die das Verwertungsmonopol haben, für diese Digitalisierung entschädigt werden. ODER, so wie es Google anbietet, einfach der Digitalisierung widersprechen können. Aber gerade in Anbetracht der Tatsache, dass es eine ungeheure Masse an sogenannten verwaisten Büchern gibt, bei denen der Besitzer der Verwertungsrechte nicht zu ermitteln ist (tatsächlich stellen diese die Mehrheit), die auch kaum mehr über Bibliotheken o.ä. erreichbar sind, sollte genau dieses "Opt-Out"-Verfahren das Mittel der Wahl sein. Google digitalisiert alles, was es an gedrucktem Schrifttum in die virtuellen Hände bekommt und wenn jemand in seinem Fall damit nicht einverstanden ist, genügt ein Widerspruch und seine Werke sind draußen.
Das Interesse unserer Gesellschaft, möglichst allen einen möglichst breiten Zugang zu Bildung und Wissen zu gewähren wiegt unvergleichbar viel schwerer, als die kurze Unbquemlichkeit eines Opt-Outs der einzelnen betroffenen Autoren.
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn ein solches Projekt nicht von einem profitorientierten Unternehmen angegangen würde, sondern beispielsweise von öffentlicher Stelle (Stiftung oä.). Leider könnten dann aber noch unsere Enkel von einem solchen Traum erzählen, da er immer noch nicht realisiert wurde. Google hat die Mittel und den Willen zu dieser Aktion. Wenn öffentliche Stellen dazu nicht in der Lage sind, sind sie auch die falschen für diesen Job.
Worauf ich insgesamt mit diesem Text hinaus will ist hoffentlich klar. Denke selbst! Verfalle weder in das Extrem der unreflektierten Sorglosigkeit, noch in das der unreflektierten Angst. Vor allem: Verwechsle nicht selbst erwählte Nützlichkeit und objektiven Sachzwang.
Reposted from
4nduril
